COMMANDER BRADLEYS WEIHNACHTS-SPECIAL: Wie Commander Bradley (wieder einmal) die Erde rettete

Scott Bradley Weihnachtsgeschichte

NEU-LONDON, 128 Tooley-Street, im CHICKEN-OUTAGE. Die Fähre des Lordkanzlers warf einen mächtigen Schatten auf die Tooley-Street. Der Luftstrom der Bremstriebwerke wirbelte Staub und Zeitungsfetzen durch die Luft, dann senkte sich eine Plattform und kam mit einem Ruck auf dem Asphalt zum Stillstand. Die D’unean waren gelandet. Lordkanzler Almogon Dagool schritt über die Straße und betrat den Imbiss, flankiert von Dienern und einem großen Tier mit fließenden Bewegungen und dunklen, stechenden Augen an seiner Seite. Der Lordkanzler bemerkte Bradleys Interesse an seinem Begleiter. Er strich dem Tier über die Schuppen, die mit einem metallischen Geräusch antworteten.

“Einer meiner Palast-Lupulen. Euren Hunden nicht unähnlich, aber wesentlich widerstandsfähiger – und natürlich edleren Geblüts.”

Seine Diener schoben die Stühle auseinander und platzierten eine Art Thron an einem der Tische. Er setzte sich in einer eleganten Bewegung. Der Lupule legte sich neben ihm auf den Boden.

“Du hast bei Deinem letzten Besuch Eindruck hinterlassen, gewöhnlicher Bradley!”, bemerkte Almogon mit anerkennendem Nicken.

“Wir kennen nicht viele, die sieben Pyrosauriersteaks essen können und der Letzte, der drei Flaschen unseres Royalis Destillae getrunken hat, ist PUFF…!” – er machte eine ausladende Handbewegung – “Nun, wir fanden ihm einfach nicht wieder. Nicht das kleinste Stückchen. Aber nun lasst sehen, was die irdische Küche zu bieten hat!”

Wie auf Kommando DINGte die Mikrowelle. Bradley stand auf und klatschte in die Hände.

“Ranjid, serviere die BBQ Chickenwings! Kredenze er reichlich und spare er vor allem nicht mit der Soße!”

Ranjid grinste breit, zog einen dampfenden Teller aus dem Gerät und verzierte das Gericht mit einem dicken Klecks einer bräunlichen Soße, die widerwillig und mit einem unflätigen Geräusch aus einer von vielen Händen begrabbelten Plastikflasche quoll. Dann stellte er den Teller vor dem Lordkanzler auf den Tisch. Der beäugte den Inhalt kritisch. Alle sich in der Nähe des Tisches befindlichen Fliegen flüchteten.

“In Gestalt und Geruch dem rückwärtigen Auswurf eines Banthas nicht unähnlich”, kommentierte er pikiert.

“Aber Eure Lordschaft!, schleimte Bradley. “Urteilt nicht nach dem Äußerem. Die inneren Werte zählen, wie wir hier auf der Erde zu sagen pflegen!”

“Nicht mehr lange, wie du weißt, gewöhnlicher Bradley. Eure letzten Stunden haben geschlagen, von eitrigem Schleim ummantelte Klappergestelle! Wir werden Besitz ergreifen von Eurem Planeten. Ihr nennt es Terraforming, wie ich meine. Wir nennen es rituelle Reinigung.”

Er zeigte auf einen fetten Mann in einem silbrigen Ausgehzelt.

“Das ist Brolappen Techapp, mein Wissenschaftsminister. Er kann jeden Dreck in edle Materie verwandeln, auf der unsere königliche Rasse zu lustwandeln wünscht.”

Bradley lächelte falsch und wies auf den Teller: “Zwischen uns und unserem Untergang liegt nur noch dieses festliche Mahl. Wir überlassen Euch damit quasi unsere Henkersmahlzeit. Das Beste, was die Erde zu bieten hat.”

Der Lordkanzler griff nach einem Hühnchenschenkel, der schmatzend auswich. Beim dritten Versuch flutschte der Schenkel vom Tisch, geradewegs in Richtung des Lupulen, der aufsprang, danach schnappte und es gierig verschlang. Mit einiger Mühe schaffte es Almogon schließlich, sich ein Stück zu ergattern. Kurz, bevor er es in den Mund stecken wollte, hielt er inne.

“Woher weiß ich, dass du mich nicht vergiften willst, von niederen Instinkten und wässriger Chemie betriebener Bleichling?”

Der Commander griff wortlos auf den Teller des Lordkanzlers, woraufhin seine Diener erschreckt Luft einzogen. Er schnappte sich einen Schenkel, steckte ihn sich in den Mund und begann, genüßlich darauf herumzukauen. Dann schlang er ihn herunter. Almogon nickte, steckte sich einen Schenkel in den Mund – und erstarrte.

Anmerkung der Autoren: Da wir mit der Anatomie der D’unean nicht vertraut sind, entziehen sich die genauen Verdauungsabläufe unserer Kenntnis. Wir wissen aber, was mit der an sich empfindlichen Erdenanatomie passiert, wenn sie genötigt wird, BBQ Chickenwings im CHICKEN-OUTAGE zu essen. Wir geben hier den ungefähren Ablauf wieder: Der ahnungslose Homo Sapiens Sapiens steckt sich ein Stück halbrohes Hühnchenschenkelchen in den Mund. Die Nase schlägt Alarm und appelliert an den Selbsterhaltungsstrieb, aber der Hunger obsiegt. Die in der glibberigen, pudelkackebraunen Sauce schwimmenden Plocken bilden schleimige Allianzen im Mundraum und setzen sich zwischen die Zähne. Der Zunge befindet sich bereits im Zustand örtlicher Betäubung durch eine synthetische Gewürzmischung, deren Hauptbestandteil aus dem Rost der Maschine besteht, die sie herstellt. Der Mensch zerbeißt tapfer die zwischen den Aggregatzuständen „fest“ und „flüssig“ befindlichen Hühnchenreste und löst sie von den bereits in Auflösung befindlichen Gummiknochen. Sein Rachen weigert sich standhaft, den Schluckbefehl auszuführen, weil er nach Rücksprache mit dem Magen weiß, dass er die Lieferung aufgrund fehlgeschlagener erkennungsdienstlicher Behandlung postwendend zurückerhalten wird. Unter dem strengen Blick des Kochs macht sich ein konditionierter Reflex auf den Weg zum Mund und läßt ihm “Hmmm, das ist aber lecker!” sagen. (Wer die englische Küche kennt, weiß, dass das eine glatte Lüge ist…)

Mit Lordkanzler Almogon Dagools Contenance stand es nicht zum Besten. Sein Gesicht war weiß wie eine getünchte Wand. Jeder Chamäleonit würde ihn sofort zum Maskottchen küren. Er rang mit weit aufgerissenen Augen nach Luft.

“Lecker, nicht wahr? Wir essen das hier jeden Tag”, grinste Bradley verschlagen. “Noch ein Stück?”

“Jeden Tag?”, quiekte Almogon und blickte gequält auf den Teller. Er zerrte an seinem Kragen. Ein Diener bemühte sich nach Kräften, ihm Luft zuzufächeln.

“Und die gute Nachricht”, schob Bradley nach, ”quasi unser gesamter Planet besteht daraus.”

“Euer gesamte Planet besteht aus ..?” Er warf einen verzweifelten Blick zu seinem Wissenschaftsminister herüber, der ebenso verzweifelt den Kopf schüttelte.

“Ich hatte ja keine Ahn…!”

Er wurde durch ein klirrendes Stakkato unterbrochen, so, als hätte jemand aus großer Höhe eine Kiste Schrauben auf ein Blechdach gekippt. Der Lupule stand wie ausgestopft im Raum und bewegte sich nicht mehr. Er erinnerte jetzt mehr an eine rasierte Ratte, denn seine Schuppen lagen verstreut um ihn herum auf dem Boden. Dagool riss erschreckt seine Augenbrauen nach oben.

“Rituelle Reinigung oder die Mauser?”, fragte Bradley mehr oder weniger ehrlich besorgt.

Dagool kam unsicher auf die Beine und gab seinen Dienern unmissverständliche Zeichen zum Aufbruch.

“Ihr habt nicht aufgegessen, Eure Hoheit! Ich könnte Euch ein paar Portionen einpacken und mitgeben lassen. Der Weg ist weit.”

Mit diesen Worten stopfte sich Bradley einen weiteren Schenkel in den Mund. Der Angesprochene machte ein sehr unkönigliches Geräusch. Innerhalb weniger Minuten war das Chicken-Outage geräumt. Triebwerke heulten auf. Der Schatten der königlichen Fähre wurde kleiner und wich der mittäglichen Erdensonne. Dann wurde es still. Bradley trat nach draußen und sah dem Schiff hinterher. Ranjid gesellte sich neben ihm. Der Commander klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.

“Nicht schlecht für einen Zivilisten!”

“Ein altes Rezept aus meiner Heimat. Damit haben meine Urahnen die englischen Kolonialherren aus Indien vertrieben. Aber warum sind sie nicht, äh, ich meine …., Sir?”

Er machte eine ausladende Handbewegung. Bradley zuckte mit den Schultern.

“Militärkantine und eine ausgewogene Whisky-Diät! Und keine Sir’s hier!

”Kann ich den Lupulen behalten?”

“Wozu?”

”Ich glaube, ich nenne es Dunean-BBQ. Ich wette, zusammen mit meiner Spezialsoße geht das weg wie nix.”

Bradley am weihnachtlichen Kaminfeuer (Montage: PhotoFunia)

 

Über ph

Geboren 1961, seit 1975 lebhaft in Hannover. Seit 25 Jahren auf Sinnsuche in der IT-Branche. Er schreibt Kolumnen, Satiren, Ultrakurzkrimis und exzentrische Literatur. Besitzt eine der größten Scott-Bradley-Actionfigurensammlungen der nördlichen Hemisphäre. Teilt die Tierwelt in zwei Arten: Die Einen sind zu hässlich, um sie zu fotografieren, die Anderen zu fotogen, um sie zu essen.
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