Oster Special: Ein Hauch von Pandorum

Ein blinkendes, schummeriges Rot war das Erste, was er durch die geschlossenen Lider wahrnahm. Er öffnete langsam ein Auge und blickte auf eine kleine Lampe mit der Aufschrift “Fehlfunktion!”. Er öffnete das zweite Auge und begann, sich umzusehen. Neben ihm schwang ein Bündel abgerissener Kabel hin und her, deren Enden seitlich aus seinem Gesichtsfeld verschwanden. Er bemerkte, langsam aus einem schweren Schlaf erwachend, dass er auf dem Boden lag, das linke Ohr an kaltes Metall gedrückt, vom dem aus ein unregelmäßiges Vibrieren übertragen wurde, das von weit her zu kommen schien. Er drehte sich auf den Rücken, dann durchfuhr ihn ein pochender Kopfschmerz. Er schloss die Augen wieder.

“Verdammter. Gepanschter. Asteroidenfusel.”, brummte Commander Bradley. Er griff in die Brusttasche. Mist, keine Zigarren. Die Schwärze um ihn herum fühlte sich kalt und leer an. Sie entsprach seiner Erinnerung an die Ereignisse des gestrigen Abends. Eben noch saß er in dieser Raumhafenkneipe auf Raleka B, und dann …? Schwindel mischte sich unter eine Reihe weiterer unangenehmer Wahrnehmungen. Bradley kannte das Gefühl und es fühlte sich anders an als ein Kater. Beschleunigung erzeugt es – und defekte Gravitationsgeneratoren.

Bradley kam auf die Beine. Er stieß an eine Konsole, die mit dem Blinken der roten Lampe rhythmisch aus der Dunkelheit auftauchte. Er tastete seinen Overall nach seinem Benzinfeuerzeug ab. Im Licht einer flackernden Flamme checkte Commander Bradley seine Umgebung. Er erkannte, dass er sich auf einer Kommandobrücke befand, bzw. das, was eine Katastrophe davon übrig gelassen hatte. Eine Reihe von Konsolen mit Sesseln davor, ein zersplitterter Hauptschirm und eine Schiebetür, die einen Spalt geöffnet war und den Blick auf eine noch dunklere Dunkelheit freigab. Brand- und Explosionensspuren überall, aber kein Blut, geschweige denn Leichen oder Teile davon. Bradley ging in die Hocke, drehte sich im Kreis und leuchtete den Boden ab. Er fand einen schweren Schraubenschlüssel, den er an sich nahm. Vielleicht war er hilfreich bei nervtötenden Diskussionen mit möglichen Widersachern. Er aktivierte die Notbeleuchtung, die zu seiner Überraschung sogar funktionierte und alles in ein rotes Dämmerlicht tauchte. Er machte sich auf den Weg zum Ausgang und zwängte sich durch den Spalt in den Gang. Wenn das hier ein Raumschiff ist, dachte Bradley, dann gibt es hier auch ein Offiziers-Casino. Merke: Whisky bringt dich besser durch Zeiten ohne Orientierung als Orientierung dich durch Zeiten ohne Whisky bringt.

Das Schwindelgefühl kehrte zurück, Bradley fühlte sich plötzlich leicht wie eine Feder. Dann zog ihn die Schwerkraft wieder auf die Bodenplatten zurück. Der angeschlagene Gravitationsgenerator pfiff offensichtlich auf dem letzten Loch. Bradley würde sich später darum kümmern müssen. Seine schweren Stiefel stampften über Metallroste, die scheppernd antworteten. Plötzlich blinkten die Lampen der Notbeleuchtung unregelmäßig, dann erstarb das Licht und tauchte den Gang wieder in völlige Dunkelheit. Bradley aktivierte sein Feuerzeug und ging weiter. Er war einige Hundert Meter weit gekommen, als sich ein weiteres Geräusch unter seine Schritte mischte, dem von ihm Erzeugten nicht unähnlich und nahezu synchron. Aber eben nur nahezu. Er blieb stehen und sofort verstummten auch die anderen Schritte. Aber eben nur nahezu sofort. Fünfzig Meter, schätzte Bradley und nickte grimmig. Er war nicht allein. Er drehte sich um, konnte aber in der Dunkelheit nichts erkennen. Er setzt sich wieder in Bewegung, aufmerksam dem anderen Geräusch lauschend. Bradley bemerkte mit Genugtuung, dass sich der Abstand nicht verringerte. Er erreichte das Casino und steuerte direkt die Bar an. Auch hier Spuren von Verwüstung. Im Schein einer Leuchtreklame untersuchte er die Reihen der Flaschen. Schließlich zog er die Stirn kraus.

“Mineralwasser? Fruchtsäfte?”, resümierte er angewidert. Seine Laune verschlechterte sich um ein paar Zehnerpotenzen. Er griff nach den Schraubenschüssel, den er auf der Theke abgelegt hatte und blickte mit zusammen gekniffenen Augen auf die Tür, die zum Gang führte. Es war an der Zeit, sich um seinen Verfolger zu kümmern. Licht spielte dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle, aber sein Feuerzeug war fast leer und in den Regalen nichts Brenn- geschweige denn Trinkbares. Aber noch war er weder bereit zu verdursten noch sich in der Dunkelheit von einer ungebetenen Kreatur überwältigen zu lassen. Er lehnte sich neben der Tür an die Wand und lauschte atemlos in die Stille. Bradley hörte nichts, wusste aber, dass er nicht allein war. Ein Schaudern durchlief das gesamte Schiff und ließ den Boden merklich vibrieren. Bradley nutzte die Ablenkung und stürmte aus dem Casino. Keine Sekunde zu spät, denn im fahlen Licht der Leuchtreklame sprang eine fauchende und Zähne bleckende Gestalt auf ihn zu. Eine Sekunde später zerschmetterte ein schmiedeeiserner Schraubenschlüssel krachend seinen Schädel. Mit infernalischem Kreischen wand sich die Kreatur auf dem Boden, bis Bradley seiner Existenz mit weiteren Schlägen ein Ende bereitete. Bradley warf eben den Schraubenschlüssel auf dem Boden, als die sich Notbeleuchtung wieder aktivierte.

Bradley besah sich die Kreatur verwundert. Ein Melbidurak, einzeln kein Ernst zu nehmender Gegner. Sie griffen meist in großen Gruppen an. Aber sie rannten nicht allein auf dunklen Gängen von Raumschiffen herum und fielen über Dich her. Ein erneutes Geräusch ließ Bradley herumfahren. Ein vielstimmiges Summen, das näher und näher kam, begleitet von einem gelben Drehfeuer. Bradley schnappte sich den Schraubenschlüssel und war bereit für einen weiteren Kampf. An Stelle eines Gegners tauchten drei gedrungene Roboter auf, die sogleich von Bradley geschultem Blick gescannt wurden. Keine Bewaffnung. Der Commander entspannte sich. Die Automaten begannen, den Tatort zu reinigen und die Leiche abzutransportierten. Nach kurzer Zeit verschwanden sie wieder, von einem Kampf keine Spur. Kein Tropfen Blut an den Wänden. Der Boden: wie geleckt. Es roch nach Veilchen. Der Commander zog die Augenbrauen hoch. Irgendwas ist hier oberfaul, dachte er. Die Notbeleuchtung flackerte erneut, blieb aber an. Bradley machte sich wieder auf den Weg. Vielleicht gab es Alkohol in der Küche. Er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Der Gang teilte sich und Bradley wählte den Weg zu Deck B. Schließlich erreichte er eine blitzeblanke Küche. Keine Spur von Zerstörung, alles stand an seinem Platz. Wie zufällig fiel sein Blick beim Vorbeigehen auf den Speiseplan, den er interessiert studierte. Dann grinste er, trat einen Schritt zurück und rief: “DAS IST EINE SIMULATION!”

Der Szenerie verschwomm. Leuchtröhren flackterten. Schließlich war das ganze Labor hell erleuchet. Bradley erwachte auf einem Tisch. An ihm klebten eine Reihe von Elektroden, die er sich mit einem beherzten Ruck vom Kopf riss. Doktor Dakota Michigan stöckelte beleidigt auf ihn zu und lächelte grimmig.

“Bradley, eines Tages werden Sie beim Kobayashi Maru-Test versagen! Woher wussten Sie, dass es nicht echt ist?”

“Sie haben bei der Erstellung der Simulation eine Reihe von Fehlern begangen, Herzchen. Fruchtsäfte in einem Offiziers-Casino? Ich bitte Sie! Veilchenduft auf einem Raumkreuzer? Zu guter Letzt: Ein Veggie-Day in der Kombüse? Das haut ja wohl alles raus! Da sind wohl ein paar weibliche Gene mit Ihnen durchgegangen.”

Dakota Michigan bebte. Ihre Brüste quollen vor Zorn fast oben aus dem Ausschnitt ihres Kittels, was Bradley wohlwollend zur Kenntnis nahm.

Der Commander legte den Kopf schief: “Auch ich habe etwas für Sie. Auch das lauert im Dunkeln und kann Sie dazu bringen, laut und anhaltend zu schreien. Und glauben Sie mir – es ist keine Simulation. Aber Sie haben sich sicher schon von der Existenz der Kreatur überzeugt, während ich im Tiefschlaf lag, oder sollte ich mich irren?

Doktor Michigan hüstelte und fingerte nervös an ihrer Zutrittskarte herum.
“Alles im Rahmen einer, äääh, medizinischen, ich meine …. Routineuntersuchung …!” Dann drehte sie sich auf dem Absatz und verließ den Raum. Natürlich nicht, ohne vorher einem bis über beide Ohren grinsenden Bradley die Nummer ihrer Kabine zugeflüstert zu haben.

Über ph

Geboren 1961, seit 1975 lebhaft in Hannover. Seit 25 Jahren auf Sinnsuche in der IT-Branche. Er schreibt Kolumnen, Satiren, Ultrakurzkrimis und exzentrische Literatur. Besitzt eine der größten Scott-Bradley-Actionfigurensammlungen der nördlichen Hemisphäre. Teilt die Tierwelt in zwei Arten: Die Einen sind zu hässlich, um sie zu fotografieren, die Anderen zu fotogen, um sie zu essen.
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