Mission I: Eroberer aus den Plejaden

„Ah! Wie gut klingen schlechte Musik und schlechte Gründe,
wenn man auf einen Feind losmarschiert!“
(Scottrich Nietzschey, android. Philosoph, Novaröte V)

Captain Scott Bradley flog gerade mit seinem Superschlachtschiff der GX-3000-Klasse eine Patrouille durch den unteren Teil des Plejadengürtels, als er mit dem Unglaublichen konfrontiert wurde. Er merkte es nur nicht gleich.

Wer es merkte, war Stan McSheckley. Der hagere Kommunikationsgefreite mit dem roten Haarschopf hüpfte vor Schreck schier aus seinem Elastoform-Sessel, als er die SETI-Signale des Hyperfunkgeräts durch die neuronalen Netze des Sometimes Intelligent Frequency Analyzers jagte. Ein hastiges Morsezeichen später stand er in Bradleys Kabine.

„Sir!“ McSheckleys Hacken knallten. „Ich habe da etwas Ungewöhnliches … das müssen Sie einfach … ich habe so etwas noch nie gesehen!“

„Ah, McSheckley, Junge, setz dich doch!“ dröhnte Bradley. „Was zu trinken? Habe mir gerade einen Schocolaffee gebraut, bei dem selbst unsere harten Titaniumtassen mit den Herzkammern flattern.“ Er lachte und setzte sich ebenfalls. „Was hast du auf dem Herzen, Bub?“

„Nun, Sir, ich habe da ein paar seltsame SETI-Signale …“

„Bist ein bisschen blass heute. Kommt von dem Aloe-Vera- Joghurt, den ihr jungen Leute dauernd löffelt. Solltest öfter mal ein rohes Steak essen! Das ist mindestens so wertvoll wie ein kleiner Joghurt.“

„Sir, also diese Signale, die können einfach nicht irdischen Ursprungs …“

„Oder rohe Zwiebeln. Und keine ,Sirs‘ hier, mein Junge. Immerhin ist das nur ein langweiliger Patrouillenflug in unerforschten Einöden. Ich dachte mir, sowas wäre mal spannender als der ständige Abenteuerurlaub auf Puhra Rente oder diese faden Messerspielchen mit den I-Ging-Klonen.“ Bradley lachte wieder und krempelte die Hemdsärmel hoch, sodass seine muskulösen, vernarbten, tätowierten (etc.) und von vielen Typ-G7-Sonnen braungebrannten Arme sichtbar wurden. „Außerdem ist seit dreißig Minuten Feierabend, mein Junge. Also nenn mich Scott. Sitz bequem! Nimm dir ’nen Keks! Und schieß los!“

„Ja, äh, Sir, Scott, sehen Sie, nach Feierabend lausche ich immer dem, äh, Gesang der Sterne, wie wir Funker das nennen, und da kommt dieses seltsame …“

„Gesang der Sterne! Ihr Funker habt doch wirklich poetische Seelen, was? Das hat schon den alten Admiral Hogan beeindruckt, damals, ’44, bei der Schlacht um die singenden Plasmajets von Ciceronicus Gamma.“ Der Captain stürzte sich den Kaffee in den Hals und hmm-te donnernd aus seinen Sieben-komma-neun-Liter-Lungen. „Und weiter? Was hat es mit dem Signal auf sich?“

Der Funker roch nur kurz an der Kaffeetasse, bekam aber schon davon sofort Herzrasen.

„S-Sir, äh, S-Scott: E-Es ist k-k-künstlich. U-U-U-nd n-n-nicht mm-mm-enschlich.“

„Künstlich?“ Bradley lachte dröhnend und kam mit knackenden Gelenken auf die Beine. Dann stellte er sich breitbeinig und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor die vergilbte Sternenkarte, die neben Laser-Enterhaken, Raumzeit-Ruderrädern und M-Branen-Ankern die Wände seiner Kabine zierte. „Hier? Wir sind doch praktisch am Arsch der Galaxis, sozusagen.“

„Es kommt von einem Doppelstern-System, keine dreiundzwanzig Parsecs von hier, nahe ZZ Plural Z Alpha.“

„ZZ Plural Z Alpha. Aha.“

Bradley fingerte eine Havanna aus der Brusttasche seines leichten Einsatzoveralls und biss die Spitze ab. „Pftouh!“ Das Zigarrenstück landete im Schädel eines belgrumbianischen Sumpfmonsters, der auf dem Schreibtisch von Bradleys Jagdleidenschaft zeugte.

„Vielleicht ein Radiostern, der wegen dunkler Materie nicht zu sehen ist?“

„Habe ich gecheckt, Sir: nein.“

„Nein? Na schön, du bist der Spezialist.“ Bradley entzündete ein Streichholz am Schorf einer Wunde seines linken Ohrläppchens und steckte sich die Havanna an. „Hmpf. Was ist denn so besonders an diesem Signal?“

„Es sieht mir … wie ein Hilferuf aus. Oder auch eine Warnung. Der Computer will mehr Daten, sonst kann er die Botschaft nicht genau bestimmen … Aber es gibt eine Botschaft, da bin ich mir ganz sicher.“

„Na, Junge? Und nun willst du, dass wir da mal eben hinfliegen, was? Ein bisschen auf den Putz hauen, wie?“ Er knirschte mit den Zähnen. „Keine schlechte Idee. Mal sehen, welche Weltraumwürmer wir wecken, wenn wir mal ein paar Steine umdrehen!“

****** einige Chronate später ******

Endlich, die erste Begegnung mit Außerirdischen aus den Plejaden! Lange hatten die Menschheit und andere Sternenvölker nur davon geträumt, Regisseure hatten darüber spekuliert, verrückte Wissenschaftler die Idee als Unsinn abgetan. Doch nun wussten sie, dass sie in der Milchstraße nicht mehr allein waren!

„Grußbotschaften auf allen Frequenzen senden! Die Antwort aus dem Übersetzungscomputer sofort auf den Schirm!“

Captain Scott Bradley wartete gespannt, bis das Bild auf dem Monitor erschien. Der Außerirdische war auf täuschende Weise klein, leuchtete giftgrün, hatte riesige und tückische Augen, einen großen, ovalen Kopf mit spitzen Ohren und ein kleines, spitzes Kinn unter einem humorlosen Mund.

„Seid gegrüßt, Fremde“, bemühte sich Bradley um saubere Aussprache. „Wir kommen in friedlicher, äh, Mission.“

Die Stimme des Fremden erklang aus dem Übersetzungscomputer, merkwürdig fremdartig und verzerrt:

„Wir grüßen dich nicht, du wurmfortsatzartige Lebensform namens Mensch vom niederen Planeten Erde. Wirst du wohl sofort auf die Knie fallen, du rosafarbener Abschaum mit eklen Haaren auf der Haut, oder müssen wir vorher erst deine plumpen Städte samt Gebets- und Krankenhäusern zertreten?“

„Ich glaube“, sagte Bradley ruhig und gab dem Feuerleitoffizier heimlich ein Zeichen, „wir haben uns missverstanden. Wir sind friedliebende Wesen und würden uns über einen Gedankenaustausch zwischen Gleichgestellten freuen.“ Er entblößte zwei berylliumlegierte Zahnreihen. „Aber nur auf Augenhöhe!“

„Rundohrige Sackgasse natürlicher Auslese! Nenn mir einen Grund, warum wir dich nicht sofort zu atomarem Brei zermalmen sollten, du Nachgeburt einer fettleibigen Tempelhure.“ Bradley zögerte kurz, dann fauchte er aus beiden Mundwinkeln gleichzeitig: „Feuer!“

Die Besatzung gehorchte. Jeder war motiviert. Alle arbeiteten zusammen. Zu diesem Zeitpunkt wusste seine Mannschaft ja auch noch nicht, dass Bradley in der Nacht zuvor heimlich den Übersetzungscomputer manipuliert und die Menschheit damit in die grässlichste Schlacht seit dem Massaker der singenden Plasmajets von Ciceronicus Gamma gestürzt hatte.

Bradley grinste. Admiral Hogan war ein guter Lehrer gewesen.

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About Andreas Winterer

Jahrgang 1968 und gebürtiger Kölner. Autor und Erfinder von 'Scott Bradley' und reichlich anderem Weltraum-Käse. Verdient seine Brötchen als freiberuflicher Schriftsteller, Autor, Journalist, Blogger, Coach und Berater für Kommunikation und Kreativität in München. Kennt wirklich jeden SciFi-Film auf sciencefictionlexikon.de, ist Herausgeber des Literaturmagazins kaschemme.de und Autor des satirischen SF-Romans 'Cosmo Pollite' (2000), nominiert für die zwei wichtigsten deutschspachigen SF-Preise. Total wichtig also, aber furchtbar arm, also kaufen Sie bitte sein Buch.
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